Johnson im Mais #9: 17 Käfer gegen Amerika

Jerichow, um 1950 – 17 Käfer gegen Amerika
Der Text erinnert an die sogenannte Kartoffelkäferpropaganda der DDR. Die ostdeutsche Regierung behauptete 1950, amerikanische Flugzeuge hätten gezielt Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen, um die sozialistische Landwirtschaft zu sabotieren. Im Zentrum steht eine Schulklasse, deren Schülerinnen und Schüler im Herbst Kartoffeläcker absuchen müssen. Sie sollen damit die staatliche Behauptung durch praktische Mitarbeit bestätigen. Die Jugendlichen schämen sich jedoch für die Zumutung, an diese Geschichte glauben und sie öffentlich bezeugen zu sollen.
Besonders der Schüler Lockenwitz, Sohn eines Biologen, widerlegt die Propaganda mit biologischen und historischen Argumenten:
- Der Lebenszyklus des Kartoffelkäfers passe zeitlich nicht zu dem angeblichen amerikanischen Abwurf.
- Die Käfer seien bereits seit den 1930er-Jahren in Deutschland nachgewiesen worden.
- Ihre Ausbreitung habe natürliche und landwirtschaftliche Ursachen.
- Durch die Bodenreform seien Hecken beseitigt und damit Lebensräume von Vögeln und anderen natürlichen Schädlingsbekämpfern zerstört worden.
- Auch die Jagd- und Landwirtschaftspolitik habe das ökologische Gleichgewicht verändert.
Lockenwitz führt die offizielle Erklärung ins Absurde, indem er weitere Verschwörungserzählungen zitiert: Angeblich hätten die USA während des Zweiten Weltkriegs in Hilfslieferungen Insektenbrut und Unkrautsamen eingeschmuggelt. Als Quelle nennt er ironischerweise die sowjetische »Literaturnaja Gaseta«, was bei der Lehrerin Bettina zusätzliche Verwirrung auslöst.
Am Ende zeigt sich die Absurdität der ganzen Aktion auch zahlenmäßig: Rund 400 Schülerinnen und Schüler finden lediglich 17 Kartoffelkäfer, darunter sogar neun Marienkäfer.
Für unseren Parcours ist diese Stelle besonders interessant, weil Johnson hier Landwirtschaft und Naturbeobachtung nutzt, um politische Verhältnisse sichtbar zu machen: Der Acker wird zu einem Ort, an dem Ideologie, Geschichte, Wissenschaft und persönliche Erinnerung aufeinandertreffen.
