Johnson im Mais #8: Mit einem Bein im Gefängnis

Jerichow, 1945 – Ein Bürgermeister mit einem Bein im Gefängnis
Hier befinden wir uns im Jerichow des Jahres 1945: Heinrich Cresspahl ist von den britischen Besatzern als Bürgermeister eingesetzt worden und bleibt auch nach dem Einmarsch der Roten Armee im Amt. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, die hungernde Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen.
Dabei trifft er auf den sowjetischen Stadtkommandanten K. A. Pontij. Pontij ist unberechenbar: Mal droht er Cresspahl mit Erschießung, mal lädt er ihn zum Wodka ein oder macht ihm Geschenke. Regeln können sich jederzeit ändern. Cresspahl versucht deshalb, nicht offen gegen ihn aufzubegehren, sondern seine Befehle so geschickt wie möglich zu umgehen.
Die Lebensmittelversorgung wird zu einem absurden Katz-und-Maus-Spiel. Cresspahl organisiert Eier, Milch und Schlachtvieh, handelt mit Waren und Dienstleistungen und versucht, Vorräte für die Bevölkerung zu sichern. Doch immer wieder greift die sowjetische Kommandantur ein. Hühner verschwinden, Kühe und Milch gelangen zu den Besatzungssoldaten, und Cresspahl muss Geschäfte machen, die eigentlich verboten sind.
Johnson vergleicht diese Situation mit dem chaotischen Krocketspiel aus »Alice im Wunderland«: Pontij ähnelt der Herzkönigin, die ständig mit Enthauptung droht, während Cresspahl versucht, sich wie die Grinsekatze mit Freundlichkeit, List und einem unbewegten Lächeln zu behaupten. Doch anders als die Katze kann er nicht einfach verschwinden.
Das Komische der Erzählung ist daher immer mit Gefahr verbunden. Cresspahls Improvisation wirkt mitunter gewitzt und unterhaltsam, doch hinter jedem Gespräch steht die Möglichkeit von Gewalt. Er trägt Verantwortung für die Bevölkerung, besitzt aber kaum eigene Macht.
