Johnson im Mais #10: Hinaus in die Welt

Ein gescheitertes bäuerliches Experiment – und Gesine verlässt Jerichow
Gesine erzählt ihrer Tochter Marie, wie sich die Landwirtschaft in der Umgebung von Jerichow nach dem Zweiten Weltkrieg verändert. Die großen Rittergüter sind im Zuge der Bodenreform aufgeteilt worden. Zwischen zwei und vier Hektar Land erhalten viele der sogenannten Neubauern, darunter Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Nur wenige von ihnen haben zuvor als Landarbeiter gearbeitet und Erfahrung mit der Führung eines eigenen Hofes.
Für viele reicht das zugeteilte Land kaum aus, um dauerhaft davon leben zu können. Einige geben ihre Höfe wieder auf. Zugleich beginnt der Staat, die zunächst geschaffenen Einzelbetriebe in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften zu überführen. Das Land, das wenige Jahre zuvor verteilt worden ist, soll nun gemeinschaftlich bewirtschaftet werden.
In dieser Situation erinnert sich Gesine an Johnny Schlegel. Er ist kein gewöhnlicher Bauer, sondern ein studierter Mann mit eigenen Vorstellungen von einer landwirtschaftlichen Gemeinschaft. Schon in der Weimarer Republik hat er sich mit sozialistischen und genossenschaftlichen Ideen beschäftigt. Er ist überzeugt, dass ein Landarbeiter seine Arbeit niemals ganz als die eigene empfinden könne, solange sie nur den Besitz eines Grundherrn oder Pächters vermehrt.
Nach dem Krieg verteilt Johnny einen großen Teil seines Landes an Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten. Sie sollen Bauern sein oder bereit sein, den Beruf zu erlernen. Formal werden die Flächen nicht verschenkt, sondern gegen erfundene Beträge ausgeliehen und in die Bücher eingetragen. Tatsächlich entsteht auf dem Hof eine Gemeinschaft, die viel weiter geht als die später von der DDR verlangten Produktionsgenossenschaften.
Bei Johnny werden nicht nur Äcker, Maschinen und Zugtiere gemeinsam genutzt. Auch die persönliche Hauswirtschaft ist gemeinschaftlich organisiert: In einer Küche wird für alle gekocht, und alle essen an einem Tisch. Während die DDR-Regierung erst nach dem passenden Modell für eine sozialistische Landwirtschaft sucht, hat Johnny eine solche Gemeinschaft längst nach seinen eigenen Vorstellungen geschaffen.
Gerade diese Eigenständigkeit macht ihn jedoch verdächtig. Seine Genossenschaft entspricht nicht genau dem staatlich vorgeschriebenen Modell und entzieht sich der vollständigen Kontrolle durch die Behörden. Außerdem wird der Betrieb mit besonders hohen Ablieferungspflichten belastet. Als sogenannte Mittelbauern müssen seine Mitglieder deutlich mehr Getreide, Kartoffeln, Fleisch und Milch abgeben als Kleinbauern.
Nach einer schlechten Ernte gerät der Betrieb bei der vorgeschriebenen Milchablieferung in Rückstand. Die Behörden erlauben zwar, stattdessen Fleisch abzugeben, doch die komplizierten Berechnungen führen dazu, dass Johnny eine eigene Kuh zu einem vielfach überhöhten Preis zurückkaufen muss. Das Tier gehört ihm bereits – dennoch wird es so behandelt, als müsse er es vom Staat erwerben.
Johnny führt seine Bücher genau und vollständig. Eben diese Genauigkeit wird ihm zum Verhängnis. Steuerprüfer entdecken darin frühere Zahlungen und Geschäfte, die nun als Belege für „kapitalistisches Denken“ ausgelegt werden. Dazu gehören der Erwerb einiger Hektar Land und Zahlungen, die über West-Berlin auf ein westdeutsches Konto gelangt sind. Auch der Umtausch von Geld in Frankfurt am Main wird einem Mitglied der Gemeinschaft zum Vorwurf gemacht.
Im Februar 1953 wird Johnny verhaftet. Nach und nach geraten auch weitere Mitglieder seiner Genossenschaft ins Visier der Ermittler. Selbst die betriebliche Planung wird gegen sie verwendet: Johnny hat mit möglichen Verlusten bei Kälbern und anderen Jungtieren gerechnet. Weil mehrere Tierärzte die Gegend bereits in Richtung Westen verlassen haben, kalkuliert er mit Krankheiten und Todesfällen im Viehbestand. Die Behörden deuten diese realistische Vorsorge jedoch als Verleumdung der staatlichen Verhältnisse, als Wirtschaftsverbrechen und Boykotthetze.
Im Prozess fragt Johnny, warum der ostdeutsche Staat ihm wieder wegnehmen wolle, was ihm die Rote Armee nach dem Krieg gegeben habe. Auch diese Frage wird gegen ihn ausgelegt. Er wird zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, die anderen Angeklagten erhalten Strafen zwischen acht und zwölf Jahren. Das Vermögen wird eingezogen und die Genossenschaft aufgelöst.
Die meisten Mitglieder fliehen mit ihren Kindern in die Aufnahmelager West-Berlins. Nur Inge Schlegel bleibt zunächst zurück. Sie hofft, das Wohnhaus retten zu können, und versucht zugleich, Johnny mit Paketen im Gefängnis zu versorgen. Doch der weitläufige Hof lässt sich von einer einzelnen Frau nicht erhalten.
Johnny Schlegel ist keineswegs ein Gegner gemeinschaftlicher Landwirtschaft. Im Gegenteil: Seine Genossenschaft folgt Vorstellungen, die er selbst für sozialistisch hält. Doch gerade weil sie unabhängig entstanden ist und nicht vollständig dem staatlichen Plan entspricht, wird sie bekämpft.
Johnson zeigt hier den Widerspruch der frühen DDR-Landwirtschaft: Zunächst wird Land an einzelne Menschen verteilt, kurz darauf werden sie zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung gedrängt. Eine bereits funktionierende Gemeinschaft wird jedoch nicht anerkannt, sondern kriminalisiert, weil sie sich der politischen Kontrolle entzieht. Nicht allein die Art des Wirtschaftens entscheidet darüber, was als sozialistisch gilt – sondern die Frage, wer darüber bestimmt.
Am Ende der Szene verlässt Gesine Jerichow – mit einem Rückfahrt-Ticket.
