Johnson im Mais #5: Was verbirgt sich hinter der »Neuen Scholle«?

Jerichow, 1936 – Was verbirgt sich hinter der »Neuen Scholle«?

Jerichow im Jahr 1936. Auf den ersten Blick erscheint die kleine mecklenburgische Stadt friedlich und ländlich: Höfe und Scheunen, Pferdefuhrwerke, Geschäfte und der Marktplatz bestimmen das Bild. Durchreisende und Feriengäste auf dem Weg zur Ostsee hätten kaum einen Grund gehabt, hinter dieser alltäglichen Kulisse etwas Bedrohliches zu vermuten. Doch außerhalb der Stadt verändert sich die Landschaft. Schilder kündigen dort eine neue Landarbeitersiedlung an. Ihr Name »Neue Scholle Nord« klingt nach Landwirtschaft, Boden und bäuerlicher Zukunft. Tatsächlich entsteht hier jedoch ein Militärflugplatz.

Die Vorbereitung auf einen kommenden Krieg findet also nicht irgendwo fernab statt, sondern mitten in einer vertrauten Landschaft. Und sie tarnt sich mit Begriffen, die etwasvollkommen anderes versprechen. Ausgerechnet die »Scholle«, ein Sinnbild für Ackerboden und bäuerliche Existenz, wird zum Decknamen für militärische Aufrüstung.

Johnson zeigt damit auch, wie sich die nationalsozialistische Politik in den Alltag einer kleinen Stadt einschreibt. Straßen werden gebaut, Gelände verändert sich, Gebäude entstehen. Das alles ist sichtbar – und dennoch bleibt sein eigentlicher Zweck verborgen oder wird nicht wahrgenommen.

So entsteht eine beunruhigende Frage: Wie viel konnten die Menschen damals wissen? War die Kriegsvorbereitung tatsächlich so gut getarnt – oder sah man Veränderungen, ohne sehen zu wollen, was sie bedeuteten?

Für das Thema Landwirtschaft und gesellschaftliches Leben auf dem Land ist die Passage besonders deshalb interessant, weil hier die Landschaft selbst politisch wird. Hinter der vertrauten Welt von Äckern, Höfen und »Scholle« bereitet sich bereits der Krieg vor.