Johnson im Mais #4: Jetzt bin ich zu Hause

Jerichow, 1933 /1934 – Jetzt bin ich zu Hause
Hier geht es wieder um Heinrich Cressphal, Gesines Vater. Die Passage beschreibt, wie er sich das von Papenbrock an die gerade erst geborene Gesine geschenkte Bauernhaus anschaut, einen verlassenen Hof nahe der Ostsee. Der Weg dorthin führt zwischen Wiesen und Ackerland immer weiter nach Westen, scheinbar ins Leere. Kein Dorf wird erreicht, nur ein einzelner Hof taucht auf: ein niedriges Bauernhaus, eine große Scheune, verwildertes Gelände. Trotzdem lautet Cresspahls erster Gedanke: »Jetzt bin ich zu Hause.«
Dieses Zuhause ist jedoch alles andere als ein idyllischer Ort. Fensterscheiben sind eingeworfen, die Stallungen leer, Geräte beschädigt oder unbrauchbar. In der Scheune liegen nur die Reste eines früheren bäuerlichen Lebens: ein geknickter Rübenschneider, gebrochene Deichseln, Sauerkrautfässer und der Schmutzfänger einer Sonntagskutsche. Die Tiere sind fortgetrieben worden, in den Ställen verfault das Stroh, und der Wind hat Besitz von den Räumen ergriffen.
Johnson erzählt den Zustand des Hofes nicht nur als sachliche Bestandsaufnahme. In den Gegenständen und Räumen scheint das Unglück der früheren Bewohner fortzuleben. Selbst der elektrische Schalter reagiert gefährlich, als wollten die Vorgänger Cresspahl warnen: »Nimm dir unser Unglück.« Das Haus trägt also eine Geschichte in sich, die nicht einfach mit dem Einzug eines neuen Besitzers endet.
Gleichzeitig beginnt Cresspahl sofort, den Hof mit den Augen eines Handwerkers zu betrachten. Er erkennt Möglichkeiten: Die große Scheunentür könnte verglast werden, damit Licht für Tischlerarbeiten hineinfällt. Vieles kann er selbst instand setzen. Selbst die Lärmbelästigung möglicher Nachbarn erscheint lösbar. Aus Verfall wird nach und nach ein Plan.
Der wiederholte Satz »Wenn man will« ist dabei entscheidend. Er klingt zunächst pragmatisch und zuversichtlich. Wer will, kann umbauen, reparieren und sich einrichten. Doch der Satz hat auch eine härtere Seite: Wille bedeutet nicht nur Freiheit, sondern kann anderen Menschen aufgezwungen werden. Man kann die Bewohner einer Villa nötigen, Sägegeräusche zu ertragen. Der Wille, sich eine Heimat zu schaffen, steht damit zwischen Selbstbehauptung und Rücksichtslosigkeit.
Die Landschaft verstärkt Cresspahls Einsamkeit. Rund um den Hof ist fast nichts: Leere, Wind und im Norden ein schmaler Streifen Ostsee. Der Ort liegt abseits und ist doch offen zur Welt. Gerade diese Abgeschiedenheit macht ihn für Cresspahl attraktiv. Er findet kein fertiges Zuhause vor, sondern einen Ort, den er durch Arbeit erst dazu machen muss.
