Johnson im Mais #6: Wenn jedes Wort gefährlich sein kann

Jerichow, 1937 – Wenn jedes Wort gefährlich sein kann

Mit dieser Passage reisen wir zurück in das Jerichow des Jahres 1937. Lisbeth Cresspahl hat während einer Zugfahrt zufällig ein Gespräch zwischen dem Forstaufseher Hagemeister und Warning mitangehört.

Die beiden äußern sich über mögliche Machenschaften eines Reichsarbeitsdienstführers. Lisbeth erzählt davon in der Familie – und ihr Bruder Robert Papenbrock gibt das Gehörte an die nationalsozialistischen Behörden weiter. Hagemeister und Warning werden daraufhin wegen »übler Nachrede«nach dem sogenannten Heimtückegesetz angeklagt. 

Lisbeth muss als Zeugin vor Gericht aussagen. Damit gerät sie in einen schweren Konflikt. Sie weiß, dass ihre Aussage zwei Menschen gefährden kann. Zugleich glaubt sie, vor Gericht die Wahrheit sagen zu müssen. Andere versuchen, sie dazu zu bewegen, die Aussage zu verweigern. Lisbeth aber sucht Halt in der Bibel und liest im Mecklenburgischen Christlichen Hauskalender die für den betreffenden Tag vorgesehene Stelle aus dem Matthäusevangelium nach.

Darin ist nicht vom Frieden die Rede, sondern vom Schwert und von der Entscheidung zwischen familiärer Bindung und dem, was ein Mensch für richtig hält. Besonders beklemmend ist, wie aus einem beiläufig mitgehörten Gespräch ein politischer Prozess wird.

In der überschaubaren Welt Jerichows bleiben Äußerungen nicht privat. Menschen kennen einander, Familienbeziehungen, Berufe und politische Loyalitäten greifen ineinander. Ein Wort im Zug, eine Erzählung zu Hause und die Denunziation durch einen Verwandten können weitreichende Folgen haben.

Lisbeth erscheint dabei weder einfach als Täterin noch als unschuldiges Opfer. Sie hat das Gespräch weitererzählt und damit die Ereignisse mit ausgelöst. Im Prozess versucht sie dennoch, ihrem Gewissen und ihrem Verständnis von Wahrheit zu folgen. Gerade diese widersprüchliche Lage macht die Passage so eindringlich: Unter einer Diktatur kann selbst das Wahrsprechen zur Gefahr werden.