Johnson im Mais #1: Wem gehört Jerichow?

Wem gehört Jerichow?

Diese Passage entwirft ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Porträt Jerichows vom Erhalt des Stadtrechts im Jahr 1240 über die Jahrhunderte hinweg bis in die 1930er Jahre.  Und sie beginnt mit einer ironischen Provokation: Gleich im ersten Satz stellt sie in Frage, ob Jerichow überhaupt eine »richtige Stadt« ist. Zwar besitzt der Ort seit dem  Mittelalter Stadtrecht, einen Gemeinderat, Elektrizität, Telefon und einen Bahnhof. Tatsächlich aber wird sein Leben von der umliegenden Ritterschaft, also den adeligen Gutsbesitzern, bestimmt.

Johnson blickt weit in die Geschichte zurück. Die Bauern haben das Land urbar gemacht, sind dann jedoch von den Gutsherren enteignet und abhängig gemacht worden. Noch im 20. Jahrhundert regiert der Adel über die Region: als Grundbesitzer und Arbeitgeber, aber auch als Bürgermeister und Gerichtsherr über die Tagelöhner. Die wirtschaftliche Macht geht mit politischer und gesellschaftlicher Macht einher.

Jerichow ist deshalb vor allem ein Dienstleistungs- und Handelsplatz für die Güter. Hier werden Weizen und Zuckerrüben gelagert und verladen, Maschinen repariert und Verwaltungsangelegenheiten erledigt.

Die Ritterschaft besitzt die Bank, viele Häuser, die Ziegelei und den Lübecker Hof. Ihre großen Geschäfte erledigt sie jedoch außerhalb Jerichows. Auch ihre Kinder, Gottesdienste und Familiengräber bleiben von der übrigen Bevölkerung getrennt. Die Lage des Ortes trägt zusätzlich zu seiner Abhängigkeit bei. Jerichow liegt zu weit vom Meer entfernt, um selbst Hafen oder Badeort zu werden. Die wohlhabenden Feriengäste fahren weiter nach Rande (wobei man da aus Klützer Perspektive natürlich an Boltenhagen denken könnte 😉 

Auch die großen Handelsstraßen führen an Jerichow vorbei. Der Ort bleibt eine Durchgangsstation und erhält sogar seine Bahnverbindung vor allem deshalb, weil die Güter ein Transportmittel für ihre Erzeugnisse benötigen. Der Wohlstand der Ritterschaft steht der Armut Jerichows gegenüber. Für eine Kanalisation fehlt das Geld; ein Kino gibt es ebenfalls nicht. Selbst die städtische Infrastruktur richtet sich also danach, was die Gutsherren brauchen – oder nicht brauchen.

Besonders anschaulich wird diese Ordnung im »Lübecker Hof«. In der Erntezeit sitzen die Gutsbesitzer dort an ihrem eigenen Tisch, spielen Karten und pflegen ihre plattdeutsche Geselligkeit. Sie erscheinen laut, jovial und heimatverbunden. Doch ihre vermeintliche Volksnähe ändert nichts an den festen sozialen Grenzen.

Heinrich Cresspahl beobachtet dieses Gefüge zunächst als Fremder. Wegen seines auswärtigen Autokennzeichens halten ihn die Herren für einen Handelsreisenden. Er erkundet Jerichow vorsichtig: beim Frühstück, in kleinen Geschäften, im Krug, beim Tischler und durch beiläufige Fragen. So lernt er nicht nur Straßen und Menschen kennen, sondern auch die unsichtbaren Machtverhältnisse des Ortes.

Dabei fällt sein Blick besonders auf die Familie Papenbrock, die im Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen tätig ist. Der Hof, seine Speicher und die dort arbeitenden Menschen gehören zu jener Wirtschaft, in der Jerichow als Lager-, Umschlag- und Verwaltungsort funktioniert.

Cresspahl beobachtet Horst Papenbrock, den Erben, und dessen Vater bei den Geschäften. Die private Familiengeschichte ist damit von Anfang an eng mit der wirtschaftlichen Struktur Jerichows verbunden.