Johnson im Mais #11: Der Traum vom eigenen Land

Bodenreform: Hoffnung auf einen Neuanfang
In der Erinnerung an das Jahr 1945 erzählt Uwe Johnson von der Bodenreform nicht zuerst als großes politisches Programm, sondern aus der Perspektive einzelner Menschen.
Frau Abs trägt Ende August ein zusammengefaltetes Stück Zeitung in ihrer Schürzentasche. Darin liest sie eine Erklärung Edwin Hoernles, des Präsidenten der Deutschen Verwaltung für Land- und Forstwirtschaft. Die Bodenreform, heißt es dort, solle den »alten Traum jedes deutschen Kleinbauern und Landarbeiters« erfüllen: den Traum vom eigenen kleinen Bauerngut. Frau Abs nimmt diese Worte als ein Versprechen. Sie ist 55 Jahre alt und möchte gemeinsam mit ihrem fast achtzehnjährigen Sohn Jakob eine Siedlung übernehmen.
Jakob reagiert jedoch skeptisch. Er kennt die praktischen Probleme: Es fehlt an Pferden und Maschinen; Pflug, Egge und Mähmaschine sind selbst auf dem Schwarzen Markt nicht zu bekommen. Auch das zugeteilte Land ist nicht kostenlos. Es muss über Jahre abbezahlt werden, gleichzeitig müssen die neuen Bauern festgelegte Mengen ihrer Erzeugnisse abliefern.
So treffen in der Szene zwei Vorstellungen aufeinander. Für Frau Abs bedeutet eigenes Land Sicherheit und eine Zukunft für ihren Sohn. Jakob dagegen bezweifelt, dass die neuen Eigentumsverhältnisse unter diesen Bedingungen tatsächlich eine wirtschaftliche Existenz ermöglichen. Als er erklärt, es sei „nicht die Zeit dafür“, versteht seine Mutter seine Haltung nicht und bittet Cresspahl, ihrem »uneinsichtigen Sprößling den Kopf zurechtzusetzen«.
Johnson macht die Bodenreform damit an einer konkreten Familie erfahrbar: als große Hoffnung auf Eigentum und einen Neubeginn – und zugleich als wirtschaftliches Wagnis.
