Johnson im Mais #2: Wo ganz Jerichow zusammenkam

Wo ganz Jerichow zusammenkam
Diese Passage erinnert an den Marktplatz von Jerichow in den 1930er und 1940er Jahren. Cresspahl wundert sich in seinen ersten Jahren in der Stadt darüber, wie groß dieser Platz ist. Doch die scheinbar überdimensionierte Fläche war einst voller Leben und erfüllte viele unterschiedliche Funktionen.
Während der Erntezeit kamen die Bauern mit ihren Ackerwagen zur Stadtwaage. Pferde wurden an der Marktpumpe getränkt, die Kutscher unterhielten sich, ließen ihre Gespanne bewachen und gingen in den Krug. Nach dem Abladen von Korn und Rüben fuhren die leeren Wagen eine Runde durch die Stadt. Das Klappern der nun unbeladenen Räder, die Rufe an die Pferde und das Kommen und Gehen machten den Markt zu einem lebendigen Verkehrsknotenpunkt.
Daneben war er ein Ort der gesellschaftlichen Begegnung. Die Damen des Adels kamen mit ein- oder zweispännigen Kutschen zu Besuchen beim Bürgermeister oder beim Pastor. Später standen dort Autos, der Omnibus des Fuhrunternehmers oder das kleine Lieferfahrzeug der Fischereigenossenschaft. Der Hausdiener des Lübecker Hofs holte mit einem Gepäckwagen die müden Badegäste vom Mittagszug ab und führte sie wie eine Herde über den Platz.
Johnson lässt auf engem Raum unterschiedliche soziale Gruppen und Zeitenzusammentreffen: Bauern, Kutscher, Adelige, Geschäftsleute, Gastwirte, Reisende undSommergäste. Der Markt ist Wirtschaftsraum, Haltestelle, Parkplatz, Treffpunkt und Bühneder städtischen Rangordnung.
Auch Veränderungen werden sichtbar. Die Ostseite des Platzes galt zunächst als zuvornehm für Geschäfte und erschien auf Ansichtskarten repräsentativ wie die Petrikirche.Später gehörten Autos selbstverständlich zum Straßenbild. Der große Platz bleibt derselbe, doch seine Nutzung und seine gesellschaftliche Bedeutung wandeln sich.Die Passage ist dabei weniger eine fortlaufende Handlung als ein genau komponiertes Erinnerungsbild.
Johnson zählt Fahrzeuge, Bewegungen, Geräusche und Gewohnheiten auf. Aus diesen Einzelheiten entsteht eine ganze untergegangene Welt. Der letzte Satz – »Geräumig war der Platz, gewiss« – bestätigt die ursprüngliche Beobachtung und klingt zugleich leicht ironisch: Der Platz war so groß, weil sich auf ihm einst das Leben einer ganzen Stadt und ihres Umlands versammelte.
