5.600 Steine für 5.600 Fluchtversuche


Interview mit Heide Lörcher und Martina Miersch
Etwa 5.600 Menschen sollen zwischen dem Bau der Berliner Mauer 1961 und ihrem Fall 1989 versucht haben, über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. In der Ausstellung „Über das Meer in die Freiheit“, die am 15. August in Boltenhagen eröffnet wird, bekommt diese Zahl eine sichtbare Form: 5.600 weiße Steine, jeder mit einem Vornamen versehen, erinnern an die Menschen, die diesen gefährlichen Weg wagten, und bilden gemeinsam einen Fluchtweg in Richtung Meer.
Entwickelt haben die Ausstellung Heide Lörcher und Martina Miersch. Zugleich gehört Heide Lörcher zu den Initiatorinnen des Filmabends über den Leistungsschwimmer Axel Mitbauer, der 1969 von Boltenhagen aus durch die Ostsee in den Westen floh. Wie kam es zu diesen beiden Projekten – und warum ist es ihnen wichtig, gerade heute an die Ostseeflucht zu erinnern?
»Freiheit ist ein unglaublich wichtiges Gut«
Heide Lörcher und Martina Miersch haben die Ausstellung »Über das Meer in die Freiheit« entwickelt. Zugleich gehört Heide Lörcher zu den Initiatorinnen des Filmabends über Axel Mitbauer. Wie kam es dazu?
Heide Lörcher, am Anfang stand ein Film. Wie kam Axel Mitbauers Geschichte nach Boltenhagen?
Heide Lörcher: Uwe Beyer hatte mir den Film für unser Kirchenkino empfohlen. Ich war so berührt, dass ich sofort dachte: Den möchte ich zeigen – aber in einem größeren Rahmen. Teile des Films sind in Boltenhagen gedreht worden, und für mich war klar: Er gehört hierher. So entstand die Idee für den Filmabend – und im Gespräch mit Martina schließlich auch die Ausstellung.
Martina Miersch, für Sie hat das Thema Flucht eine persönliche Geschichte.
Martina Miersch: Ja. Ich bin als Tochter von Flüchtlingen aus Pommern aufgewachsen. Die Grenze zur DDR verlief nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt und teilte unsere Familie. Als Jugendliche las ich in den Lübecker Nachrichten immer wieder von Menschen, die über die Ostsee zu fliehen versuchten. Als Heide mir von dem Film erzählte, wollte ich deshalb auch an all die anderen Menschen erinnern, die diesen Weg in die Freiheit gewagt haben.
Warum gerade hier, wo die Ostsee heute für Urlaub und Sommer steht?
Heide Lörcher: Gerade deshalb. Im Alltag vergessen wir leicht, dass dieses Meer einmal Grenze und Fluchtweg war. Diese Geschichte muss einen Platz behalten – auch in einem Badeort.
Und warum 5.600 Steine?
Martina Miersch: Es ist etwas anderes, ob ich die Zahl 5.600 nur lese oder ob ich sie vor mir sehe. Die Steine bilden einen Fluchtweg Richtung Ostsee, und jeder trägt einen anderen Vornamen. Ich habe sie gewaschen, getrocknet,beschriftet und gezählt. Je länger ich damit beschäftigt war, desto stärker wurde meine eigene Betroffenheit.
Was soll von diesen Tagen bleiben?
Heide Lörcher: Dass diese Menschen und ihre Geschichten nicht vergessen werden.
Martina Miersch: Verständnis und Mitgefühl für Menschen auf der Flucht – und die Erkenntnis, dass Freiheit ein unglaublich wichtiges Gut in unserem Leben ist.
