Johnson im Mais #12: Wem gehört das Land jetzt?

Das eigene Land

Stattdessen setzen die Sowjets die Vereinbarungen der Alliierten von Potsdam um. Großgrundbesitzer, die mehr als hundert Hektar Land besitzen, werden enteignet. Auch führende Nationalsozialisten verlieren ihren gesamten Besitz. Das beschlagnahmte Land kommt in einen Bodenfonds und wird in kleinen Parzellen neu verteilt: Landarbeiter, Büdner und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten erhalten häufig jeweils etwa fünf Hektar. Auch alteingesessene Bauern bekommen zusätzliches Land. Selbst die Gemeinde Jerichow erhält Äcker aus adligem Besitz und ein Stück Wald.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verändern die sowjetischen Besatzer die Besitzverhältnisse auf dem Land grundlegend. Doch zunächst, so erzählt Gesine ihrer Tochter Marie, führen sie in Mecklenburg keineswegs sofort ihre eigene sowjetische Wirtschaftsordnung ein. Es entstehen weder Kolchosen noch landwirtschaftliche Großbetriebe nach sowjetischem Vorbild.

Für viele Menschen scheint sich damit ein lange gehegter Wunsch zu erfüllen: Sie besitzen nun eigenen Boden. Das Land, das zuvor wenigen großen Gutsbesitzern gehörte, wird unter zahlreichen neuen Eigentümern aufgeteilt. Die Bodenreform erscheint zunächst als radikaler Bruch mit der alten mecklenburgischen Gesellschaftsordnung.

Gerade das macht Marie misstrauisch. Warum sollten ausgerechnet Kommunisten so viel privates Eigentum schaffen? Und warum halten sich die Sowjets an die Absprachen mit den westlichen Alliierten, obwohl sie als Sieger auch eine ganz andere Ordnung hätten durchsetzen können? Marie vermutet hinter der scheinbaren Großzügigkeit eine Falle.

Gesine widerspricht ihr zunächst. Die Sowjets hätten unterschrieben, dass das deutsche Volk nicht versklavt werden solle, und sie hätten sich an diese Verpflichtung gehalten. Ihren Kommunismus hätten sie anfangs für sich behalten. Nach außen, sagt Gesine, hätten sie sich mitunter sogar so verhalten, dass selbst besonders rechtschaffene Bürger daran Gefallen finden konnten.

Doch in der Erzählung liegt bereits ein Hinweis auf das, was später folgen wird. Die neu geschaffenen kleinen Bauernstellen passen auf Dauer nicht zum sozialistischen Ideal einer gemeinschaftlich organisierten Großproduktion. Die privaten Höfe werden später unter politischen und wirtschaftlichen Druck geraten und schließlich in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften überführt.

Die Szene beschreibt deshalb nicht nur die Bodenreform nach 1945. Sie zeigt auch die Widersprüche des Neubeginns: Die alte Ordnung wird zerschlagen, Land wird neu verteilt und Eigentum geschaffen – zugleich ist dieses Eigentum politisch nicht von Dauer. Was zunächst wie Befreiung und Selbstständigkeit aussieht, kann sich später als erster Schritt in eine ganz andere Wirtschaftsordnung erweisen.